Was würdest du tun, wenn die Krankheit kein Hindernis wäre?
Was würdest du tun, wenn die Krankheit kein Hindernis wäre?
Eine Frage, die unbequem ist. Und genau deshalb so wichtig.
Ich stelle meinen Coachees manchmal eine Frage, die auf den ersten Blick einfach klingt. Aber die meisten brauchen eine Weile, bis sie antworten können. Manche werden still. Manche lachen nervös. Und manche merken zum ersten Mal, dass sie sich diese Frage noch nie selbst gestellt haben.
Die Frage lautet: Was würdest du tun, wenn die Krankheit kein Hindernis wäre?
Nicht: Was würdest du tun, wenn du geheilt wärst. Nicht: Was wäre, wenn du nie krank geworden wärst. Sondern: Was würdest du tun, wenn du aufhörst, deine Erkrankung als Grund zu nehmen, bestimmte Dinge nicht zu tun?
Das ist ein Unterschied. Ein großer.
Warum diese Frage so unbequem ist
Wenn du mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa lebst, dann weißt du, wie schnell die Krankheit zur universellen Erklärung für alles wird. Warum du nicht ins Gym gehst. Warum du dich nicht besser ernährst. Warum du den Job nicht wechselst. Warum du die Reise nicht buchst. Warum du nicht anfängst, an deiner Gesundheit zu arbeiten.
Und versteh mich nicht falsch: CED ist real. Die Einschränkungen sind real. Die Schmerzen, die Erschöpfung, die Unsicherheit. Ich habe 14 Jahre mit Morbus Crohn gelebt und ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn dein Körper nicht mitmacht. Ich bin der Letzte, der sagt, du sollst dich zusammenreißen.
Aber irgendwann passiert etwas Schleichendes. Die Krankheit wird nicht nur zum realen Hindernis, sondern auch zum Schutzschild. Zu einer Erklärung, die du dir selbst gibst, um dich nicht mit den eigentlichen Fragen auseinandersetzen zu müssen. Und genau da wird es spannend.
Denn hinter „Ich kann nicht, weil ich CED habe" steckt oft etwas anderes. Angst. Unsicherheit. Die Frage, ob du es überhaupt verdient hast, ein gutes Leben zu führen. Oder die Angst, es zu versuchen und zu scheitern.
Was passiert, wenn du die Frage ehrlich beantwortest
Ich erlebe es in meinen Coachings immer wieder. Jemand sitzt mir gegenüber, erzählt von seinem Alltag, von den Einschränkungen, von den Dingen, die nicht gehen. Und dann stelle ich diese Frage. Und plötzlich verändert sich etwas.
Denn wenn du die Krankheit für einen Moment als Hindernis rausnimmst, bleiben die echten Fragen übrig. Was will ich eigentlich? Was hindert mich wirklich? Und was davon liegt in meiner Hand?
Oft kommen dann Antworten wie: Ich würde endlich anfangen, regelmäßig zu trainieren. Ich würde meine Ernährung umstellen. Ich würde mich trauen, den Job zu wechseln. Ich würde aufhören, mich zu isolieren. Ich würde anfangen, offen über meine Krankheit zu sprechen.
Und dann kommt der entscheidende Moment. Die Folgefrage: Was davon kannst du nicht tun, weil du CED hast, und was davon tust du nicht, obwohl du es könntest?
Die Antwort ist meistens ernüchternd. Und befreiend zugleich. Denn die meisten Dinge auf der Liste haben nichts mit der Krankheit zu tun. Sie haben mit Angst zu tun, mit Gewohnheit, mit dem Gefühl, nicht gut genug zu sein. Und das sind Dinge, an denen du arbeiten kannst.
CED als Identität vs. CED als Teil von dir
Es gibt einen feinen, aber wichtigen Unterschied zwischen „Ich habe CED" und „Ich bin CED". Wenn die Krankheit zu deiner gesamten Identität wird, dann wird jede Entscheidung, jede Ausrede und jede Einschränkung automatisch durch sie gefiltert. Du bist dann nicht mehr ein Mensch mit einer Erkrankung, du bist die Erkrankung.
Ich kenne das, weil ich selbst jahrelang dort war. Mein ganzes Denken drehte sich um die Krankheit. Was ich essen kann, was ich nicht tun kann, was nicht möglich ist. Die Krankheit hat mein Leben bestimmt, nicht ich.
Der Wendepunkt kam nicht durch ein Medikament und nicht durch eine Technik. Er kam durch eine Veränderung in meinem Kopf. Durch die Entscheidung, mich nicht mehr über meine Krankheit zu definieren, sondern über das, was ich trotzdem tun kann. Das war nicht einfach und es war kein einmaliger Moment. Es war ein Prozess. Aber er hat alles verändert.
Selbstverantwortung ist kein Vorwurf
Wenn ich über diese Frage spreche, kommt manchmal der Einwand: „Aber du weißt nicht, wie schlecht es mir geht." Und das stimmt. Ich kenne deinen Verlauf nicht. Ich weiß nicht, wie schwer deine Schübe sind, welche Medikamente du nimmst, wie viel Kraft du gerade hast.
Und genau deshalb ist Selbstverantwortung kein Vorwurf. Sie ist kein „Du bist selbst schuld." Sie ist ein „Du hast mehr Einfluss, als du denkst." Das sind zwei völlig verschiedene Aussagen.
Es gibt Dinge, die du nicht kontrollieren kannst. Ob dein Immunsystem verrücktspielt. Ob ein Medikament wirkt oder nicht. Ob morgen ein Schub kommt. Das liegt nicht in deiner Hand.
Aber es gibt auch Dinge, die in deiner Hand liegen. Was du isst. Ob du dich bewegst. Wie du mit Stress umgehst. Ob du deine Medikamente nimmst. Ob du zum Arzt gehst. Ob du anfängst, dich mit deiner Gesundheit auseinanderzusetzen, statt darauf zu warten, dass jemand anderes es für dich tut.
Die Frage „Was würdest du tun, wenn die Krankheit kein Hindernis wäre?" zwingt dich, genau diese Grenze zu erkennen. Was ist echte Einschränkung und was ist gelernte Hilflosigkeit?
Fang mit einer Sache an
Du musst nach dem Lesen dieses Artikels nicht dein ganzes Leben umkrempeln. Das wäre sogar kontraproduktiv. Aber ich möchte, dass du dir heute Abend fünf Minuten nimmst und diese Frage ehrlich beantwortest. Schreib es auf. Nicht im Kopf, sondern auf Papier.
Was würdest du tun, wenn die Krankheit kein Hindernis wäre?
Und dann schau dir deine Antwort an und frag dich: Was davon kann ich morgen anfangen? Nicht perfekt, nicht komplett, nicht alles auf einmal. Aber einen Schritt.
Denn genau so funktioniert Veränderung. Nicht durch große Entschlüsse, sondern durch kleine, ehrliche Entscheidungen. Jeden Tag aufs Neue.
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Liebe Grüße, Raphael