Wann hast du das letzte Mal bewusst etwas Neues gemacht?
Über Autopilot, Komfortzonen und warum ich heute früh um 6:30 Uhr einfach losgelaufen bin
Heute morgen bin ich um 6:30 Uhr aufgestanden, habe 1,5 Liter Wasser mit Elektrolyten eingepackt, ein paar Snacks in den Rucksack geworfen und bin einfach losgelaufen. Kein festes Ziel, keine geplante Route, kein Timer. Einfach raus.
Am Ende des Tages hatte ich 21 Kilometer auf den Beinen. Von den Landungsbrücken in Hamburg entlang der Elbe bis nach Blankenese. Wege, die ich so noch nie gegangen war. Perspektiven, die ich von meinem gewohnten Alltag aus nicht sehe.
Und dabei habe ich über etwas nachgedacht, das mich schon die letzten Tage beschäftigt hat: Wie schnell wir auf Autopilot schalten. Und was das mit uns macht.
Das Autopilot Problem
Gleiches Frühstück. Gleicher Spaziergang. Gleicher Kaffee. Gleiche Abläufe. Gleiche Gedanken. Klingt das vertraut?
Unser Gehirn ist eine Effizienzmaschine. Es liebt Routinen, weil Routinen Energie sparen. Wenn du morgens immer denselben Weg gehst, muss dein Gehirn nicht mehr aktiv navigieren. Es schaltet in den Hintergrundmodus. Ressourcen werden woanders eingesetzt.
Das ist evolutionär absolut sinnvoll. Und in bestimmten Bereichen auch wünschenswert. Gesundheitsroutinen zum Beispiel, also regelmäßiges Training, bewusste Ernährung, guter Schlaf, funktionieren genau deswegen so gut, weil sie irgendwann automatisch ablaufen. Du musst morgens nicht mehr entscheiden, ob du trainierst. Du tust es einfach.
Aber es gibt eine Kehrseite.
Wenn Routinen zur Falle werden
Wenn alles in unserem Leben auf Autopilot läuft, passiert etwas Schleichendes: Wir hören auf, wach durch unser Leben zu gehen.
Psychologisch nennt man das Habituation, also Gewöhnung. Je öfter wir etwas erleben, desto weniger nimmt unser Gehirn es wahr. Der erste Kaffee am Morgen schmeckt anders als der dritte. Das erste Mal in einer neuen Stadt fühlt sich intensiver an als der hundertste Tag im selben Büro. Nicht weil die Dinge schlechter werden, sondern weil unser Wahrnehmungssystem aufhört, sie als neu und damit als relevant einzustufen.
Das hat Konsequenzen, die weit über Langeweile hinausgehen.
Studien aus der Kognitionspsychologie zeigen, dass Menschen, die regelmäßig neue Erfahrungen machen, eine höhere kognitive Flexibilität entwickeln, also die Fähigkeit, Probleme aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Das Gehirn bleibt buchstäblich plastischer. Neue Verbindungen zwischen Nervenzellen entstehen, alte werden gestärkt. Wer immer dasselbe denkt, denkt irgendwann auch weniger kreativ.
Dazu kommt etwas, das ich besonders interessant finde: die sogenannte Zeitwahrnehmung. Viele Menschen erleben, dass die Jahre mit zunehmendem Alter schneller zu vergehen scheinen. Einer der Hauptgründe dafür ist, dass immer weniger neue Erfahrungen gemacht werden. Unser Gehirn speichert neue, unbekannte Erlebnisse intensiver als bekannte. Wenn du in eine neue Stadt reist, bleibt diese Woche im Rückblick umfangreicher als drei Wochen des gewohnten Alltags.
Die Komfortzone ist keine Zone des Wohlbefindens
Das Wort Komfortzone klingt nach Gemütlichkeit. Nach Sicherheit. Nach Couch und Decke. Aber wer schon mal längere Zeit ausschließlich in seiner Komfortzone gelebt hat, weiß: Irgendwann ist sie gar nicht mehr so komfortabel. Sie wird enger. Ängstlicher. Die Dinge außerhalb der Zone fühlen sich bedrohlicher an, je länger man sie meidet. Was zuerst eine bewusste Entscheidung war, die Komfortzone nicht zu verlassen, wird irgendwann zu einer unbewussten Einschränkung.
Der amerikanische Psychologe Lev Vygotsky hat das Konzept der Zone der nächsten Entwicklung beschrieben, also den Bereich direkt hinter dem, was wir schon können und kennen. Genau dort passiert Wachstum. Nicht im Bereich, der uns überfordert. Aber auch nicht im Bereich, den wir im Schlaf beherrschen. Sondern genau dazwischen.
Das gilt nicht nur für Lernen und Beruf. Das gilt auch für Gesundheit, Beziehungen, Selbstwahrnehmung und Lebensqualität.
Jedes Mal, wenn du etwas Neues ausprobierst, eine kleine Entscheidung triffst, die du normalerweise nicht treffen würdest, passiert etwas Wichtiges: Du baust Vertrauen in dich selbst auf. Nicht durch große Heldentaten, sondern durch kleine Beweise, dass du in der Lage bist, dich zu bewegen, dich zu verändern, dich weiterzuentwickeln.
Warum gerade bei CED dieser Impuls so wichtig ist
Wer mit einer chronischen Erkrankung lebt, kennt eine besondere Form des Autopilots. Den Schutzmodus. Ich mache lieber das, was ich kenne, weil ich dann weiß, wie mein Körper reagiert. Lieber dasselbe essen, weil ich die Reaktion kenne. Lieber zuhause bleiben, weil ich dann die Toilettensituation kontrolliere.
Das ist in bestimmten Phasen absolut verständlich und richtig. Im Schub ist Sicherheit kein Schwäche, sondern Vernunft. Aber in der Remission? Wenn es dir gut geht?
Dann kann dieser Schutzmodus zur Falle werden. Die Komfortzone wird nicht durch den Körper eingeschränkt, sondern durch die Angst vor dem Körper. Und irgendwann ist man nicht mehr krank und trotzdem nicht wirklich frei.
Ich erlebe das in meinen Coachings regelmäßig. Menschen, die seit Monaten in stabiler Remission sind und trotzdem nicht ins Restaurant gehen. Nicht reisen. Nicht Sport treiben. Weil die Angst vor dem, was passieren könnte, größer geworden ist als das, was tatsächlich passiert.
Das Leben mit CED verändert sich nicht allein durch bessere Blutwerte. Es verändert sich, wenn du anfängst, dir wieder zuzutrauen, aus dem Autopilot auszusteigen.
Fang klein an. Wirklich klein.
Ich meine nicht, dass du morgen einen Halbmarathon laufen oder in eine fremde Stadt ziehen sollst. Kleine Ausbrüche aus dem Autopilot reichen völlig.
Geh zum anderen Bäcker. Nimm beim nächsten Spaziergang eine Abzweigung, die du noch nicht kennst. Ruf jemanden an, den du schon lange nicht mehr gesprochen hast. Probiere ein Gericht, das du noch nie gegessen hast. Steh einmal früher auf als gewohnt und nutz die Stunde für etwas, das dir gut tut.
Ein Baum treibt seine Äste nicht alle in dieselbe Richtung. Wachstum passiert in viele Richtungen gleichzeitig. Und es passiert genau dort, wo Raum dafür gelassen wird.
Was ich heute gemacht habe
Ich wollte mir selbst mal wieder beweisen, dass Ausbrüche aus dem Alltag nicht kompliziert sein müssen. Also bin ich heute um 6:30 Uhr aufgestanden, früher als sonst, habe 1,5 Liter Wasser mit Elektrolyten und ein paar Snacks eingepackt und bin einfach losgelaufen. Kein Plan, kein Ziel, kein Podcast im Ohr. Nur ich, Hamburg und die Elbe.
Von den Landungsbrücken aus bin ich entlang der Elbe gelaufen, durch Stadtteile, die ich zwar kenne, aber selten zu Fuß erkunde. Vorbei an alten Villen, kleinen Stegen, dem Blick auf das Wasser. Am Ende stand ich in Blankenese und hatte 21 Kilometer hinter mir.
Ich habe dabei nichts Weltbewegendes entdeckt. Keine großen Erkenntnisse, keine spirituellen Momente. Aber ich bin mit einem anderen Gefühl nach Hause gekommen als ich gegangen bin. Ruhiger. Klarer. Mit dem angenehmen Bewusstsein, einfach mal etwas anders gemacht zu haben.
Und genau das war der Punkt.
Wann hast du das letzte Mal bewusst etwas Neues gemacht?
Wenn du gerade merkst, dass du schon länger auf Autopilot läufst, dass dein Alltag sich immer enger anfühlt und deine Routinen eher einengen als schützen, dann ist das ein guter Moment, um innezuhalten. Und dann einen kleinen Schritt zu tun. Du wirst erstaunt sein, was eine einzige andere Entscheidung auslösen kann.
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Ich freue mich auf dich.
Liebe Grüße,
Raphael
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